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Über den Lärm der Welt

 

 

Manchmal ist die Welt so laut, dass ich mich nach Stille sehne; rennt so schnell, dass ich langsamer werden oder ganz anhalten will, um mich selbst wiederzufinden und den Schmerz des Außen, der längst zu meinem eigenen geworden ist, zu verarbeiten.

 

Im letzten halben Jahr, eigentlich schon weit länger, sind sehr viele Dinge in rascher Abfolge passiert. Krieg, Artensterben, Gewalt, Rassismus, Umweltverschmutzung, Diskriminierung, Terror, Ausbeutung, Homophobie, Corona (…). Ereignisse, die sich am anderen Ende der Welt ereignen und doch alle(s) betreffen, ebenso wie Dinge, die unmittelbar vor unserer eigenen Haustür passieren.

 

Zeitweise habe ich mehr Abstand zu diesen Dingen, zeitweise weniger. Je nachdem hat mich auch die Angst im Griff. Angst, weil ein Großteil der globalen Umstände, Zustände und Verstrickungen Menschengemacht ist und ich die zugrundeliegenden Beweggründe meist weder verstehen, noch nachvollziehen kann. Da ist so viel Naivität, Empathielosigkeit, Machtstreben, Dominanz, Ignoranz und Hass – vor allen Dingen Hass. Gegenüber dem, was (äußerlich) anders ist; was nicht denkt oder glaubt, wie man selbst; gegenüber jenen, die für etwas einstehen, den Mund aufmachen und etwas sagen.

Mancher möchte Stellung beziehen, einen Beitrag leisten, drückt sich dabei unglücklich aus oder kann nicht vermitteln, was er eigentlich sagen möchte – selbst das wird häufig als Angriffsfläche und Raum zum Kampf verwendet. Wundert sich da tatsächlich noch jemand, dass so viele Menschen Angst haben, überhaupt den Mund aufzumachen? Ich persönlich nehme mich da nicht aus; was sich u.a. dadurch zeigt, dass ich meine Worte sorgsam abwäge.

Auf der anderen Seite: Äußerst man sich nicht zu aktuellen Themen/Missständen (oder tut es/engagiert sich, spricht aber nicht öffentlich darüber ), bietet das übrigens ebenso eine Angriffsfläche (besonders auf Social Media) weil man augenscheinlich völlig kalt davon gelassen wird. Wir halten fest: Mund aufmachen und Mund nicht aufmachen beides falsch. Wer findet den Fehler?

 

Ja, es ist wichtig Stellung zu beziehen, offen, im kleinen Kreis oder im Großen, aber mindestens genauso im Stillen für sich, um den eigenen Standpunkt ausloten und Kurskorrekturen vornehmen zu können. Damit man aktiv werden kann, wenn es darauf ankommt; wenn man unmittelbar mitbekommt, wie jemand diskriminiert, bedrängt oder unrechtmäßig behandelt wird oder hört, wie jemand eine völlig deplatzierte Äußerung von sich gibt. Kurz: Wenn man spürt, dass gerade etwas Falsches geschieht. Exakt das ist der Moment zu Handeln. Ich persönlich glaube, dass wir Menschen ein ziemlich gutes Radar für „falsch“ und „richtig“ oder anders gesagt „Menschlich“ haben. „Was du nicht willst, das man dir tut …“ – ein kurzer Perspektivenwechsel ist in der Lage sehr rasch die Augen zu öffnen.

 

Menschlichkeit. So ein großes Wort. Ein innerer Kompass, der uns allen gegeben ist, jedoch leider so oft … ich weiß auch nicht. Ignoriert wird? Vergessen wird? Abtrainiert wird? Ausgeschaltet wird? Weil … nur die Starken und Gewissenlosen gewinnen können?

 

Manchmal macht mir die Welt oder vielmehr die Menschen, die in dieser Welt leben, Angst. Weil es mich erschüttert, dass so viel Hass füreinander herrscht; dass wir nicht einfach fried- und respektvoll miteinander umgehen können; dass so viele schreckliche, teils unaussprechliche Dinge passieren, von denen man denken sollte, dass sie längst in der Vergangenheit begraben wurden. Manchmal wirkt es fast, als würde die Menschheit, je intelligenter und fortschrittlicher sie wird, mehr und mehr ihrer Menschlichkeit einbüßen. Als würden manche aufbegehren, weil Menschen nicht mehr so leicht zu manipulieren und lenken sind, wie zu früheren Zeiten und sie Gewalt als einzige Lösung sehen, um (Macht)Strukturen zu bewahren und den Wandel, der alte und vertraute Systeme stürzen würde, aufzuhalten.

 

In Zeiten, da mir dieser Umstand besonders stark bewusst ist, da ich mich die Ungerechtigkeiten und Traumata der Welt schier überspülen, frage ich mich, wie ich über Belanglosigkeiten sprechen, mich an Dingen freuen, über meine „kleinen“ Probleme oder Befindlichkeiten beklagen oder aufregen kann. Ja, es existiert so viel Not und Kummer auf der Welt – doch soll ich deshalb das Gute und Schöne außer Acht lassen? Nie wieder über die Dinge sprechen/die Dinge teilen, die mich glücklich machen? Über ein Buch, das mich tief berührt hat. Die Natur, die so herrlich blüht. Das Erreichen eines Meilensteins oder eines anderen persönlichen Erfolgs. Ein Lied, das unter die Haut geht. Der Duft frisch gebackener Brötchen. Darf ich mir nie wieder erlauben glücklich zu sein, weil es so viele Menschen gibt, die es nicht sind? Manchmal ist mein „Doch, natürlich!“ nicht ganz so laut wie an anderen Tagen.

 

Dennoch: Bei all den dunklen Dingen, im Großen und Kleinen, sollte definitiv genauso, wenn nicht mehr Platz für helle und beglückende Dinge sein, egal wie groß oder klein, wichtig oder unwichtig sie scheinen mögen. Sind sie für dich wichtig, sind sie wichtig. Dadurch soll und kann nichts verleugnet werden; doch darf bei aller Bewusstheit über das, was noch Heilung bedarf, das Leben nicht weniger geliebt oder gelebt werden. Andernfalls könnten wir und doch gleich alle in ein Grab betten, uns vom nächsten Abgrund stürzen, Däumchen drehen, bis irgendein Dummkopf den Knopf zum Abschuss einer Atomrakete drückt, die Sonne uns wegbruzzelt, der Smog uns am Atmen hindert ...

 

Ja: Oft fühle ich mich trotzdem schuldig, müde, machtlos und hoffnungslos angesichts des grenzenlos scheinenden Trümmerfelds, doch ist aufgeben keine Option.  Weil alles, auch wenn es noch so groß und unüberwindbar scheint, nur dadurch Wandel erfährt: durch einzelne, kleinen Taten, Gesten und Worte einzelner Menschen. Durch (selbst)reflektiertes Handeln im eigenen Alltag und Umfeld. Durch einen "Flügelschlag", der andere zum Nachdenken bringt, die mit ihrem "Flügelschlag" wiederum andere zum (Um)Denken bringen … bis der Veränderung eigene Flügel wachsen, die sich nicht mehr bremsen oder am Boden festhalten lassen.

 

Menschlichkeit.

Luft und Atem.

Hunger und Durst.

Vater und Mutter.

Ein schlagendes Herz.

Blut und Knochen.

Die Sehnsucht nach Liebe, Zugehörigkeit und Sinn.

 

Wir sind keine Feinde, einerlei wie verschieden wir sind, wo wir herkommen oder wie wir aussehen. Es gibt keine Erde B oder C oder D, sondern nur diese, in der wir leben, atmen, wachsen und lieben dürfen. 

Ich wünsche mir wirklich von Herzen, dass wir uns auf das fokussieren, was uns eint statt auf das, was uns (vermeintlich) trennt; dass wir endlich erkennen, dass diese Welt schön sein kann/ist, wenn wir es zulassen; dass wir nicht gegeneinander kämpfen, sondern einander die Hand reichen; dass wir unser Gegenüber behandeln, wie wir selbst behandelt werden wollen: mit Respekt, Toleranz, Liebe und Mitgefühl. An dieser Vision halte ich hält mein Herz fest.

 

 

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Das war er.

Der Versuch das, was mich aktuell bewegt, in Worte zu fassen und (mit)zu teilen. Den Mund aufzumachen. Dinge anzusprechen und doch nur ihre Ränder zu streifen, weil es noch so viel mehr dazu zu sagen gäbe und vielleicht trotzdem einen Nachklang in dir, lieber Leser, zu hinterlassen.

 

Für den Moment fühlt sich der Lärm in mir etwas leiser an und das ist gut, weil morgen ein neuer Tag ist und ich nicht nur den Lärm, sondern auch die feinen, schönen Melodien und Noten hören möchte.

 

 

Eure Kenzie

 

 

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